Adelbert Speyer

Im Jahre 1934 erinnerte ein Dortmunder Redakteur an den „Westenhellweg vor 40 Jahren“: Ein Geschäft müssen wir noch erwähnen, das ist das Spielwaren- und Geschenkeartikelgeschäft von A. Speyer. Speyer war in ganz Westfalen und darüber hinaus bekannt. Zur Weihnachtszeit ging der Verkauf bis in die Morgenstunden des ersten Weihnachtstages.

 

 

Werbeinserat Fa. A. Speyer (Dortmunder Zeitung, 366/04.12.1897)
Werbeinserat Fa. A. Speyer (Dortmunder Zeitung, 366/04.12.1897)

Adelbert Speyer war am 16. Juni 1839 in Bielefeld geboren worden. Seine Eltern waren der Galanteriewarenhändler Israel Speyer, der sich auch Isidor nannte, und Johanna geb. Stern. Die junge Familie verließ bald nach der Geburt des ersten Kindes Bielefeld und ließ sich in Iserlohn nieder. Hier wurden den Eheleuten weitere Kinder geboren:

   Am 5. Mai 1841 die Tochter Ida,

   am 4. Februar 1843 der Sohn Abraham Hugo,

   am 19. Februar 1845 der Sohn Alexander (gestorben am 18. Februar 1848),

   am 26. September 1848 der Sohn Moritz (gestorben am 5. Juni 1849),

   am 7. März 1850 der Sohn Oscar (gestorben am 6. Februar 1851),

   am 3. Februar 1852 die Tochter Mathilde und

   am 11. April 1858 der Sohn Hugo (gestorben am 5. Mai 1858).

Nach einer 1866 aufgestellten Liste der in Iserlohn ansässigen Juden wohnte der Kaufmann Isidor Speyer mit seinen beiden Söhnen, den Kaufleuten Gustav und J. A. Speyer im Haus Unnaer Straße 80, ein Commis Sally Speyer im Haus Mühlenstraße 247 und Fräulein Ida Speyer im Haus Wermingser Straße 225. Speyer gehörte zu der Zeit dem Vorstand der jüdischen Gemeinde Iserlohns an. Werbeanzeigen überliefern, dass Israel Speyer unter der Firma „J. Speyer jr.“ mit Spielwaren, Schuhen, Stiefeln und Pantoffeln, Gitarren und Violinen, Hühneraugen-Pflaster, Porzellan-Büsten und allerlei anderen Artikeln handelte.

 

Der erstgeborene Sohn Adelbert Speyer heiratete in Breslau am 22. Mai 1867 Rosalie Hoffmann. Die Braut war 1833 in Peiskretscham im Landkreis Tost-Gleiwitz (Oberschlesien) geboren und Tochter des Lehrers a. D. Julius Hoffmann und der Cäcilie geb. Sachs. Am 20 März 1868 wurden die Eheleute Adelbert Speyer Eltern eines Mädchens, das die Namen Julie Emilie Cäcilie erhielt. Es verstarb bereits kurz vor Vollendung des ersten Lebensjahres am 5. März 1869. Am 20. März 1871 wurde der Sohn Arthur geboren. Über weitere Kinder ist nichts bekannt.

 

Im Sommer 1872 wurde im Handelsregister des Kreisgerichts Iserlohn festgehalten, dass die Kaufleute Adelbert Speyer zu Berlin und Gustav Speyer zu Iserlohn als Gesellschafter in das Handelsgeschäft des Isidor Speyer eingetreten waren. Während Gustav Speyer das Iserlohner Geschäft wohl gemeinsam mit seinem Vater leitete, war Adelbert Speyer für die am 15. Juli 1872 gegründete Zweigniederlassung der Firma J. Speyer junior in Berlin zuständig.

 

Wie lange Adelbert Speyer in Berlin tätig war, ist nicht bekannt. Zum 1. März 1879 eröffnete er jedenfalls ein „Porzellan-, Glas-, Galanterie- und Kurz-Waaren-Geschäft“ im Haus Westenhellweg 73 in Dortmund. Seine vielfältige Angebotspalette reichte von Akkordeons bis Zeichenmaterialen, umfasste Glas- und Kristallwaren, Thon-, Holz-, Leder- und Spielwaren, Pariser Schmucksachen, Parfümerieartike, Korb- und Holzwaren und vieles mehr. Wenige Wochen nach der Geschäftseröffnung pries er seine große Auswahl an Kinderwagen und erneut einige Wochen später Petroleum-Kochherde an. Pünktlich zur heißen Phase der Karnevalssaison 1880 verfügte er über ein großes Angebot an Ballfächern, Masken aus Seide oder Gaze, Nasen, Bärte, Brillen, Papier-Mützen und -Hüte. Teile seines vielfältigen Angebots präsentierte Speyer auch bei Ausstellung und Messen. Bei der Ausstellung des Dortmunder Kanarienzüchtervereins „Kanaria“ im Dezember 1885 im stadtbekannten Kühnschen Saal wurde ihm eine ehrende Anerkennung für seine prachtvollen Vogelkäfige zuteil. Bei der Ausstellung des Vereins 1899 wurde ihm ein erster Preis verliehen.

 

Zum 1. Januar 1883 war der Kaufmann Siegfried Freund als Gesellschafter und Teilhaber in die Firma A. Speyer eingetreten. Beide waren auch familiär miteinander verbunden, denn ihre Ehefrauen waren Schwestern. Speyer und Freund führten das Geschäft gemeinsam bis zu seiner Schließung.

 

Von dem guten Ruf, den die Fa. A. Speyer genoss, versuchte mindestens einmal ein Betrüger zu profitieren: Er zog mit einem Bauchladen durch die Straßen und verkaufte Parfümerien, dabei darauf hinweisend, er sei ein Neffe des Adelbert Speyer. Dieser sah sich deshalb veranlasst, per Zeitungsinserat klar zu stellen, dass er keinen erwachsenen Neffen mit seinem Familiennamen und die Polizei eingeschaltet habe, um dem Betrüger das Handwerk zu legen.

 

Adelbert Speyers Ehefrau Rosalie veröffentlichte 1891 in der Presse einen öffentlichen Dank, der allen hiesigen jungen Damen und Herren israelitischer und christlicher Konfession, welche so freundlich waren, mir Beiträge zur Unterstützung unserer hartbedrängten russischen Glaubensgenossen zu übersenden, galt. Die Sammlung hatte 150 Mark erbracht, die mit der Geberliste an ein Komitee in Charlottenburg weitergeleitet wurden.

 

Im Mai 1892 feierten die Eheleute Adelbert und Rosalie Speyer ihre Silberhochzeit. Im Jahr darauf, am 18. Oktober 1893 starb Rosalie Speyer im Alter von 60 Jahren in ihrer Wohnung über dem Geschäftslokal am Westenhellweg. Speyers Geschäftspartner Siegfried Freund zeigte dem Standesamt den Todesfall an.

 

Im April 1894 begann ein Ausverkauf des Geschäfts A. Speyer wegen bevorstehender Umbauarbeiten. Der Umfang der Arbeiten ist unklar. Im September des Jahres war dann von neuen Geschäftsräumen und neuen Schaufenstern die Rede.

 

Auch im Februar 1901 begann ein Ausverkauf der Firma A. Speyer. Da mein Lagerhaus für Lampen wegen Neubau abgerissen werden soll, verkaufe ich […] bis Ende Februar sämmtliche Lampen […] 20% unter Preis […]. Zur gleichen Zeit wurde das bisherige Geschäftslokal mit Wohnung an der Ecke Westenhellweg /Petriplatz zur Neuvermietung angeboten. Es folgten Anzeigen, die auf den Ausverkauf wegen gänzlicher Geschäftsauflösung hinwiesen. Der Ausverkauf zog sich in die Länge. Im April 1902 hieß es dann, dass das Geschäftslokal bis zum 1 Mai des Jahres geräumt sein müsse. Wie wir zu unserm Bedauern vernehmen, ist die wohl renommirte Firma A. Speyer, welche seit 22 Jahren in Dortmund besteht, in Zahlungsschwierigkeiten geraten. Es ist das gewiß den meisten unserer Leser eine überraschende Nachricht, weil man allgemein den Fleiß und Eifer der beiden Inhaber kannte und annehmen mußte, daß ihre Arbeiten gute Früchte getragen hätten. Als Grund für die Schieflage des Unternehmens wurde vermutet, dass Adelbert Speyer und Siegfried Freund sich mit ihrem Geschäft nicht mehr der wachsenden Konkurrenz erwehren konnten. Weil Freunde und Verwandte auf ihre Forderungen verzichteten, rechnete man damit, dass die Firma A. Speyer ihren Gläubigern ab dem 1. Mai 1902 eine Quote von 22 Prozent zahlen könnte. Die Geschäftsabwicklung scheint daraufhin ohne Komplikationen verlaufen zu sein. Adelbert Speyer konnte sich sogar noch für einen seit mehreren Jahren bei ihm tätig gewesenen Lagerarbeiter einsetzen, der eine neue Stellung suchte.

 

Im weiteren Verlauf des Jahres 1902 trat Adelbert Speyer als Immobilienhändler in Erscheinung. Mit Zeitungsinseraten warb er um Käufer für Geschäftshäuser am Westenhellweg, Wohn- und Geschäftshäuser im Westen, Osten und Norden der Stadt, herrschaftliche Wohnhäuser an der Humboldt-, Mittel- und Hohe Straße sowie Baugrundstücken an der Beurhausstraße. Seine Wohnung und das Immobilien-Geschäft befanden sich noch im Haus Westenhellweg 73.

 

Nach den Adressbüchern der Stadt Dortmund für die Jahre 1904 bis 1906 wohnte Speyer in der Zeit im Haus Südwall 11 und verdiente sein Einkommen als Vertreter auswärtiger Firmen. 1907 und 1908 lebte er im Haus Dresdner Straße 10 und war Inhaber eines Agenturgeschäfts, das auf Laden- und Schaufenster-Einrichtungen sowie Dekorationsartikel spezialisiert war. Ab 1909 wurde er als wohnhaft im Haus Hohensyburgstraße 29 (heute Chemnitzer Straße) geführt. Letztmalig nennt ihn das Adressbuch 1924 und zwar als Händler für Metallwaren für Innen-Ausstattungen und Schaufenster-Einrichtungen, Bügel, Packpapier, Etiketten und Bindfaden.

 

Adelbert Speyer ist nicht als aktives Mitglied der Synagogen-Gemeinde Dortmund öffentlich in Erscheinung getreten. Im Zusammenhang mit der Weihe der Synagoge am Hiltropwall taucht sein Name nur in Inseraten auf, in denen für das Festessen am Fredenbaum und weitere Festlichkeiten geworben wurde, für die er die Eintrittskarten verkaufte.

 

Erst für seine letzten Lebensjahre lassen sich Hinweise auf Speyers Privatleben feststellen. So hielt er im September und Oktober 1916 im „Kasino“ einen zweiteiligen Vortrag vor dem Astronomischen Verein zum Thema „Die Astronomie im Lichte des alten Testamentes“. Adelbert Speyer spielte auch Schach; vermutlich war er Mitglied im Dortmunder Schachverein. 1924 wurde in der „Schachecke der Dortmunder Zeitung“ eine Partie abgedruckt, die Speyer bei einem holländischen Meisterturnier, gegen den Turniersieger verloren hatte. Die Partie war mit dem ersten Schönheitspreis ausgezeichnet worden. Möglicherweise war Adelbert Speyer auch dem Pferdesport verbunden und Eigentümer eines Sportpferdes.

 

Adelbert Speyer starb am 10. August 1925 in den städtischen Krankenanstalten im Alter von 86 Jahren. Er wurde auf dem Ostfriedhof an der Seite seiner Ehefrau und des Ehepaars Siegfried Freund beigesetzt. Die Grabstätte hat sich nicht erhalten.

 

Klaus Winter
20.12.2022