Justizrat Richard Blumenthal

Richard Blumenthal war ein Kind der Eheleute Aron Blumenthal (1882-1888) und Bertha geb. Mausbacher (1824-1887). Sein Geburtstag war der 19. August 1858. Die Familie Blumenthal lebte in (Dortmund-) Brackel. Der Vater übte den Beruf des Anstreichers aus, ist aber auch als Wirt überliefert.

Nach der Absolvierung der Elementarschule in Brackel besuchte Richard Blumenthal ab Ostern 1870 das Stadtgymnasium in Dortmund. Im März 1879 bestand er dort seine Abiturprüfung. Im Anschluss daran begann er ein Jurastudium. An welchen Universitäten er studierte, ist nicht mehr bekannt. Beim Tode seines Vaters 1888 war er Rechtsanwalt.

Im Jahre 1896 heiratete Richard Blumenthal Minna Schwabe aus Varel (Oldenburg). Die Eheleute schlossen die Gütergemeinschaft aus. 1897 wurde ihnen als einziges Kind die Tochter Anna Gertrud geboren. Seit 1903 wohnte die Familie im Haus Prinz-Friedrich-Karl-Straße 21. Richard Blumenthal hatte das Grundstück in dem Jahr gekauft. Darauf stand ein Neubau, der per 12.03.1903 noch nicht in der Gebäudesteuerrolle enthalten war.

Blumenthal hatte seine Kanzlei an der Kaiserstraße, zunächst im Haus Nr. 22, später dann im Haus Nr. 8. 1909 verlegte er, inzwischen zum Notar ernannt, die Kanzlei dann wieder in das Haus Kaiserstraße 22 und übte dort seinen Beruf von nun an gemeinschaftlich mit dem Rechtsanwalt Dr. Louis Koppel aus. 1922 wurde die Kanzleigemeinschaft durch die Aufnahme von Dr. Siegfried Hoffmann erweitert und 1924 in das Haus Kaiserstraße 6 verlegt.

Gelegentlich finden sich in der Tagespresse Hinweise auf Blumenthals Rechtsanwalts- und Notarstätigkeit: Im Jahre 1917 überwies er als Testamentsvollstrecker einen aus einer Erbschaft stammenden ansehnlichen Geldbetrag an ein Säuglingsheim. 1928 gewann die Sozietät Blumenthal-Koppel-Hoffmann für die Reemtsma Aktiengesellschaft in Altona-Barenfeld einen Prozess gegen die Firma Willi Schweck in Dortmund, 1930 verlor die Sozietät als Vertreterin des Konsum- und Sparvereins Dortmund-Hamm e. G. m. b. H. einen Prozess gegen mehrere Handelsverbände, Einkaufsgenossenschaften und Rabattsparvereine.

In den Jahren 1900 bis 1920 gefertigte Urkunden und Register aus der Notariatstätigkeit Richard Blumenthals werden im Landesarchiv Nordrhein-Westfalen, Abteilung Westfalen aufbewahrt.

Richard Blumenthal engagierte sich im Dortmunder Verkehrsverein. Im April 1910 wurde er in den Vereinsvorstand gewählt, 1929 – dem Jahr des 25jährigen Jubiläums des Verkehrsvereins – gehörte er dem Verwaltungsausschuss an.

Im Jahre 1928 konnte Richard Blumenthal seinen 70. Geburtstag begehen, auf den auch in der Tagespresse hingewiesen wurde. Der Justizrat wurde als ein sehr bekannter und allgemein verehrter Bürger der Stadt beschrieben und man wünschte ihm noch viele frohe und glückliche Jahre.

Spätestens mit der Machtübernahme der Nationalsozialisten konnte von einer solchen Zukunft keine Rede mehr sein. Jüdische Juristen wurden bereits Ende März 1933 aus dem Amt verdrängt, insbesondere auch jüdischen Notaren empfohlen, „sich bis auf weiteres ihres Amtes zu enthalten“. Justizrat Blumenthal erlangte eine Ausnahmestellung, indem ihm ebenso wie einem weiteren jüdischen Juristen aufgrund „des Erlasses des Reichskommissars für das Preußische Innenministerium vom 31. März 1933 betreffend das weitere Auftreten von jüdischen Rechtsanwälten vor Gericht“ „zum Auftreten vor Gericht autorisiert“ wurde. Wie lange und unter welchen Umständen Blumenthal daraufhin noch seinen Beruf ausüben konnte, ist unbekannt.

Richard Blumenthal starb im Alter von 79 Jahren am 5. Februar 1938 in seinem Haus Prinz Friedrich Karl-Straße 21. Der Todesfall wurde dem Standesamt durch den Kaufmann Philipp Fuchs aus Karlsruhe in Baden angezeigt. Seine letzte Ruhestätte befindet sich auf dem Ostfriedhof. Dem Anschein nach wurde das Grabmal aber erst nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges gesetzt.

Die Witwe Minna Blumenthal verzog nach dem Tode ihres Ehemannes nach Karlsruhe und lebte dort eine Zeitlang im Haus Wendtstraße 1. Ihre letzte Wohnung war ihm Haus Taunusstraße 32 in Berlin-Grunewald. Sie wurde am 25. Januar 1942 nach Riga deportiert, dort ermordet und – weil genaue Angaben zu ihrem Tode fehlten – für tot erklärt.

Das Haus Kaiserstraße 22, indem sich die Kanzlei befunden hatte, war Eigentum des Justizrats Blumenthal. Es wurde nach dem Tode Richard Blumenthals verkauft; der notarielle Kaufvertrag wurde am 27. Januar 1939 abgeschlossen. Die Umstände des Verkaufs waren nach dem Zweiten Weltkrieg Gegenstand eines Rückerstattungsverfahrens, das 1951 mit einem Vergleich endete.

Die Tochter der Eheleute Blumenthal hatte sich im September 1921 mit Curt Schwabe-Barlewin aus Varel, dem Heimatort ihrer Mutter, verlobt. Später hat sie dann den Philipp Fuchs aus Karlsruhe geheiratet, der dem Dortmunder Standesamt den Tod ihres Vaters angezeigt hatte. 1949 lebte sie als Witwe Fuchs in New York City, New York, USA und arbeitete als Hausdame.

Klaus Winter
04.04.2022