Verein für jüdische Geschichte und Literatur

Fast dreißig Jahre lang – von den frühen 1890er Jahren bis zum Beginn der 1920er Jahre – bestanden sowohl in Dortmund als auch im damals noch selbständigen Hörde jüdische Vereine, die sich mit der Geschichte und der Literatur des Judentums befassten.

 

Der Dortmunder „Verein für jüdische Geschichte und Literatur“ gründete sich vermutlich 1893, denn die Ausgabe des Adressbuches für das Jahr 1894 ist die erste, in der der Verein erwähnt wird. Ein Bericht über seinen Gründungsakt ist nicht überliefert. Lediglich aus einem vom Vereinsvorstand aus Anlass des Todes des Hauptlehrers und Predigers Max Rothschild im Februar 1916 veröffentlichten Nachruf geht hervor, dass der Verstorbene Gründer des Vereins gewesen war.

 

Die Dortmunder Bevölkerung erfuhr von dem neuen Verein wohl erstmals durch ein Inserat, mit dem er die Eröffnung seines Programmes für das Winterhalbjahr 1894/95 bekannt machte. Die Teilnahme an der Auftaktveranstaltung war nur Mitgliedern gestattet. Der Vereinsvorsitzende, Kaufmann Siegfried Freund, Teilhaber der Firma Adelbert Speyer, ließ in der Anzeige darauf hinweisen, dass Interessenten beim Rendanten, dem Metzgermeister Jakob Nathan Wolff, Mitglied werden konnten. Die Mitgliederzahl des Vereins lag zwischen 118 im Winterhalbjahr 1895/96 und 160 in den Halbjahren 1911/12 und 1912/13. Danach wurde sie über mehrere Jahre mit 150 angegeben.

Das Vereinsleben bestand aus der Durchführung von Vortrags- und Diskussionsabenden, zu denen in der Tagespresse gelegentlich Einladungen und Besprechungen erschienen. Hinweise auf gesellige Veranstaltungen, Vereinsausflüge oder ähnliches finden sich nicht. Vereinslokal war der „Kölnische Hof“, der an der Südost-Ecke des Marktplatzes lag. Möglicherweise stand hier auch der Bücherschrank mit der Vereinsbibliothek, die bei Ausbruch des Ersten Weltkrieges etwa 300 Bände umfasste.

 

Während es zum Dortmunder Verein noch den einen oder anderen Hinweis gibt, fehlen solche für den Hörder Verein in der lokalen Tagespresse vollständig. Angaben über beide Vereine finden sich aber in den „Mittheilungen aus dem Verband der Vereine für jüdische Geschichte und Litteratur [!] in Deutschland“, die von 1894 bis 1921 in Berlin erschienen. Der Verband und die Vereine in Dortmund, Hörde und einer Reihe weiterer Städte wurden etwa zeitgleich gegründet. Es ist deshalb anzunehmen, dass die Gründung auf eine gemeinsame Initiative zurückgeht. Dem Verband gehörten 1895 55, 1905 203 und 1915 216 Vereine an.

 

Die Mitteilungs-Hefte des Verbandes geben auch Auskunft über die Mitgliederzahlen, den Vorstand und die Vortragsveranstaltungen der angeschlossenen Vereine. So konnten diese Angaben für den Dortmunder und den Hörder Verein hier zusammengestellt werden. Bei der Betrachtung der Veranstaltungen zeigt sich, dass in Dortmund in den Winterhalbjahren vor dem Ersten Weltkrieg fünf bis acht Vortragsabende durchgeführt wurden. Die Redner kamen aus unterschiedlichen Teilen des Reichs, zu einem kleinen Teil auch aus den eigenen Reihen. Einige der auswärtigen Redner sprachen kurz nacheinander sowohl in Dortmund als auch in Hörde, dann aber zu unterschiedlichen Themen. Mit Ausbruch des Krieges brachen die Vortragsabende ab. Ein einziger Vortrag wurde noch im Winterhalbjahr 1916/17 gehalten, und im Januar 1917 spendete der Verein 50 Mark für die deutschen Kriegs- und Zivilgefangenen im Ausland. Die Vorstandsangaben waren seit Kriegsbeginn konstant. Auch die Mitgliederzahl bleibt unverändert bei 150 stehen. Es ist fraglich, ob der Verein – trotz des einen Vortrages – während des Krieges noch funktionsfähig war. In der Ausgabe des Dortmunder Adressbuches für das Jahr 1921 wurde er letztmalig erwähnt.

 

Der Hörder Verein für jüdische Geschichte und Literatur hatte seine Tätigkeit aus unbekannten Gründen bereits nach dem Winterhalbjahr 1905/06 eingestellt, denn in den Verbands-Mitteilungen finden sich keine Angaben zu Veranstaltungen nach dieser Zeit. Auch hier bleiben die Vorstandsangaben und die Zahl der Mitglieder (32) bis zum Ende des Weltkrieges konstant. Doch dann wurde ein Gemeindeverein gegründet, der 1918/19 vom Verband als Nachfolger des eingegangenen Vereins geführt wurde. Die Redner stammen aus Hörde und Dortmund. Weil die Verbands-Mitteilungen eingestellt wurden, ist unklar, wie lange der neue Verein aktiv war.

 

(Die Mitglieder der Vorstände, die Mitgliedszahlen und die Vortragsveranstaltungen werden in der Druckversion dieses Beitrages aufgelistet.)

Klaus Winter

10.01.2023